Zweisprachigkeit im Vorschulalter

emphaSIS 2021

Eine der wichtigsten Entwicklungen, welche Kinder im Vorschulalter durchlaufen, ist die Ausbildung sprachlicher Kompetenzen. Sie in dieser Entwicklung zu unterstützen und zu fördern, ist eine der Hauptaufgaben der Lehrperson im Kindergarten. Wie entwickeln sich die sprachlichen Kompetenzen von Kindern in einem zweisprachigen Kindergarten? Wie begleiten die Lehrpersonen sie auf diesem Weg?

Ich arbeite seit nunmehr sieben Jahren im zweisprachigen Kindergarten der SIS Männedorf-Zürich. Meine Klassen sind in der Regel eine Mischung von Kindern mit Schweizerdeutsch, Hochdeutsch oder Englisch als Muttersprache. Für die Mehrzahl der Kinder ist bei Schulbeginn eine der beiden Schulsprachen unbekannt. Jedes Jahr haben wir auch Kinder, die zu Beginn des Schuljahres keine der beiden Schulsprachen kennen, weil sie zu Hause eine andere Sprache sprechen und erst vor kurzem in die Schweiz gezogen sind.

An der SIS Männedorf-Zürich ist der zweisprachige Unterricht in «deutsche» und «englische» Tage unterteilt. Die Kinder verbringen abwechslungsweise einen Tag mit der deutschsprachigen Lehrperson im deutschen Klassenzimmer und mit der englischsprachigen Lehrperson im englischen Klassenzimmer. In beiden Klassenzimmern wird während des Unterrichts die jeweilige Zimmersprache benutzt. Ausserhalb des Klassenzimmers sprechen die Lehrpersonen jeweils ihre Muttersprache. Die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner gewöhnen sich in der Regel sehr schnell an diese Strukturen und die beiden Sprachen sind klar voneinander getrennt.

Das Ziel der Schul- und Alltagsstrukturen ist eine Immersion in beiden Sprachen. Es ist beim Erwerb einer Zweitsprache der wirkungsvollste Ansatz, vor allem auf dieser Altersstufe. Grammatiklektionen und -übungen sind bei vier- bis sechsjährigen Kindern fehl am Platz. In der Interaktion zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern sowie zwischen Kindern untereinander erfährt und erlernt das Kind im Vorschulalter die Sprache. Dies geschieht bei Klassengesprächen im Kreis, im freien Spiel und in den vielen Gesprächen, die im Schulalltag anfallen: Nach Hilfe fragen, Anweisungen verstehen und befolgen, im Spiel mit anderen Informationen und Ideen austauschen oder Bedürfnisse melden.

In allen Situationen muss die Lehrperson ihr eigenes Sprachverhalten gegenüber den Kindern genau reflektieren und die Sprache bewusst an die Bedürfnisse der Kinder anpassen. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Schulsprache Hochdeutsch, denn es ist erwiesen, dass besonders Kinder mit geringen Kenntnissen der deutschen Sprache von einem hohen Anteil standardsprachlichen Inputs durch die Lehrpersonen profitieren. Ein zweites Element ist die Rolle der Lehrperson als wichtige Bezugsperson für alle Kinder in der Klasse, was den Spracherwerb angeht. Ton und Lautstärke, Gestik, Freundlichkeit, Umgangsformen, Betonungen und Aussprache; die Kinder nehmen den Sprachgebrauch von Erwachsenen wahr und werden von ihnen beeinflusst. Bei zweisprachigen Kindern muss ich mich sprachlich weiter adaptieren und die grammatikalischen Strukturen und den Wortschatz jeweils an den Sprachstand des Kindes anpassen, um so die sprachlichen Kompetenzen von allen Kindern zu fördern.

Der Weg zur Zweisprachigkeit ist für alle Kinder offen. Trotzdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht allen gleich leichtfällt. Extrovertierte Kinder haben weniger Hemmungen und brauchen die neue Sprache schnell. Introvertierte Kinder scheuen sich lange, die neue Sprache anzuwenden. In diesem Fall braucht es viel Geduld, im Wissen, dass gehörte Sprache irgendwann einmal zur gesprochenen Sprache wird. Es ist wichtig, dass ich mir dessen bewusst bin, denn der Erwerb der Zweitsprache darf im Kindergarten auf keinen Fall zum Frusterlebnis werden. Das Potential dazu ist durchaus da, denn Sprache ist eng mit Identität und Emotionen verbunden. Wenn die Lehrperson, dies nicht angeht, können zu viele nicht ausgelebte Frusterlebnisse dazu führen, dass das Kind die zweite Sprache als Hindernis empfindet und einen negativen Bezug zur Sprache aufbaut.

Eine oft gestellte Frage an Elterngesprächen ist: «Wie kann ich meinem Kind in der Zweitsprache helfen?» Die Antwort ist immer die gleiche: «Sprechen Sie Ihre Muttersprache und versuchen Sie nicht, zu Hause die Fremdsprache zu sprechen. Das Lernen einer zweiten Sprache baut auf einer soliden Kenntnis der Muttersprache auf, in der sich das Kind zu Hause fühlt.»

Zweisprachigkeit erfolgt nicht von heute auf morgen und auch nicht über die Zeitspanne von zwei Jahren Kindergarten. Es ist ein langfristiges Engagement, das Geduld, Einfühlungsvermögen und Anpassungsfähigkeit fordert. Der Einsatz lohnt sich. Die Sechstklässlerinnen und Sechstklässler, die diesen Sommer ihre Primarschullaufbahn beenden, gehörten zu meiner ersten Kindergartenklasse als ich vor sieben Jahren an der SIS Männedorf-Zürich zu unterrichten begann. Damals sprachen sie entweder Deutsch oder Englisch. Jetzt sprechen sie beide Sprachen vertieft und gehen zweisprachig in die Oberstufen über.

 

Artikel von Roger Hunziker, Lehrer Kindergarten